Die "Kodanshi" Kaori Kanda erzählt ihre Geschichten nur mit ihrer Stimme, ihrer Mimik und einer Art Fächer, den sie rhythmisch auf ein Pult schlägt. (c) Sonja Blaschke
Die "Kodanshi" Kaori Kanda erzählt ihre Geschichten nur mit ihrer Stimme, ihrer Mimik und einer Art Fächer, den sie rhythmisch auf ein Pult schlägt. (c) Sonja Blaschke

Das Erbe von Hiroshima

(Erschienen in: Wiener Zeitung, Januar 2013)

Eine japanische Geschichtenerzählerin kämpft künstlerisch gegen die Atomkraft. 

Der Tag, an dem Gen drei Angehörige verlor, begann wie viele andere. Es war nach acht Uhr, die Schwester bereitete sich auf die Schule vor, der Vater las Zeitung, der jüngere Bruder spielte. Dann wurde die Bombe über der Stadt gezündet. Das Elternhaus ging in Flammen auf, der Vater schrie, Trümmer erschlugen die Schwester. „Es ist so heiß, Mama!“, weinte der Jüngste. Sie wollte ihn umarmen, um mit ihm zu sterben. Ein Nachbar riss die hochschwangere Frau im letzten Moment weg. Bald darauf brachte sie am Straßenrand ein Mädchen zur Welt, Tomoko. Gen hatte überlebt, weil eine schwere Holzwand auf ihn stürzte. Der damals Sechsjährige hob die Kleine hoch und versprach ihr, wenn sie erwachsen würde, würde er sie immer beschützen und für sie sorgen. „An dieser Stelle rollen vielen im Publikum die Tränen herunter“, beobachtete die Geschichtenerzählerin Kaori Kanda. Es ist für sie eine Schlüsselszene des Mangas „Barfuß durch Hiroshima“ von Keiji Nakazawa, auf dem ihr gleichnamiges „Kodan“-Stück, eine traditionell japanische Form des Erzählens, basiert.

Keine Lizenzgebühr für Manga-Szenen

Am Gedenktag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima am 6. August 2012 traf Kanda den Zeichner zum letzten Mal. Er saß im Rollstuhl, trug eine Maske und habe dennoch zu ihr gesagt: „Pass‘ gut auf deine Gesundheit auf.“ Sie kannten sich seit Januar 1986. Damals, wenige Monate vor dem GAU von Tschernobyl, bat sie ihn um Erlaubnis, Szenen aus seinem Manga zu verwenden. Lizenzgebühren wollte der Zeichner nicht nehmen: „Führe das Stück nur schnell und so oft es geht auf, meine Unterstützung hast du.“ Die 58-Jährige spielt es seit 26 Jahren mehrmals pro Jahr, und seit 11. März 2011 noch öfter.

Gen – das ist Nakazawa selbst. In einem Fernsehinterview sagte er einmal, er könnte problemlos ein Filmset der grausamen Szenerie bauen. Das Einzige, was sich im Stadtzentrum in den Tagen nach der Bombe noch bewegt habe, seien die Fliegen über den Leichen gewesen. Aber irgendwann habe man sich daran gewöhnt und nichts mehr gefühlt. Am 19. Dezember 2012 starb Nakazawa an Lungenkrebs, einer vieler Spätfolgen der radioaktiven Strahlung, die sein junger
Körper abbekommen hatte.

Seine Kindheitserinnerungen als Manga umzusetzen, sei die Idee seines Verlages gewesen. Von 1973 bis 1985 zeichnete er auf mehr als 3000 Seiten das Grauen des ersten Atombombenwurfs der Welt, auf den am 9. August ein zweiter in Nagasaki folgte. Zunächst erschien sein Manga im Magazin „Shonen Jump“, wo die Erzählerin Kanda auf ihn aufmerksam wurde. Später setzten andere Magazine die Serie fort, Verlage im Ausland publizierten Übersetzungen.

Für ihr „Kodan“-Stück konzentrierte sich Kanda auf Kernszenen. Diese interpretiert sie, in einen Kimono gekleidet, an einem Platz auf der Bühne sitzend oder stehend. Sie spricht alle Akteure, indem sie ihre Stimme und Mimik variiert. Je nach Stück setzt sie in Abwandlung der mehr als 500 Jahre alten Kunst Licht und Ton ein: In „Gebet von Tschernobyl“ untermalen Chöre, Hubschrauberlärm und rotierendes Rotlicht die dramatische Erzählung. Ihr einziges Hilfsmittel ist
eine Art Fächer, den sie lautmalerisch auf ein Pult oder einen speziellen, niedrigen Tisch vor sich schlägt. Die Schläge erinnern an Trommeln, wie sie in Schlachten geschlagen wurden. Häufig erzählen „Kodanshi“ historische
Geschichten, von Kriegen und Kämpfen, vom Überleben in schwierigen Situationen.

Für viele „Hibakusha“, wie die Verstrahlten genannt werden, gibt es keinen Unterschied zwischen der kriegerischen und der friedlichen Nutzung der Atomkraft. Als „Fukushima“ passierte, fühlten sich viele ins Jahr 1945 zurückversetzt. Zwei Jahre später hatte Japan von den USA eine neue, pazifistische Verfassung bekommen. Nakazawa sagte darüber: „In Artikel Neun steht, dass wir kein Heer zu Land, Luft und Wasser haben und keine Waffen herstellen dürfen. Wir haben eine ganz hervorragende Verfassung erhalten. Was auch passiert, wir müssen sie bewahren!“ Doch eben Artikel Neun will der neue Premierminister Shinzo Abe ändern. Im Streit mit China und Korea um Inseln im Ostchinesischen Meer benötige
Japan ein Heer mit mehr Mitteln und Kompetenzen.

Ausstieg aus dem Atomausstieg

Zudem kündigte Abe Japans Ausstieg aus dem Atomausstieg an, den die bis vor kurzem regierende demokratische Partei im Sommer beschlossen hatte. In den nächsten zehn Jahren soll der „beste Energiemix“ für Japan entwickelt werden – von Ausstiegswillen ist keine Spur. Nicht zuletzt hat Abes liberaldemokratische Partei die Atomkraft ins Land gebracht. Derzeit liegen 48 von 50 Reaktoren still. Japan gleicht die Energielücke durch erhöhte Importe von Öl und Flüssiggas
aus. „Wir werden nicht zulassen, dass er die Reaktoren wieder hochfährt“, sagte Kanda der „Wiener Zeitung“. Ihre Anti-AKW-Attitüde hat einen weiteren Grund: Kandas Heimatort Iwaki liegt nur 40 Kilometer südlich des havarierten Kraftwerks. Die in Tokyo lebende Künstlerin gründete bald darauf mit anderen Frauen aus Fukushima eine NGO. Sie ermöglicht betroffenen Kindern Ferienaufenthalte in Erholungsheimen in Südjapan. Von südjapanischen
Bauern bekam Kanda Reis für Waisen in Fukushima.

Ihre Stärke für ihre Arbeit ziehe sie auch aus „Barfuß durch Hiroshima“. Auf ihrer Website schreibt Kanda: „Von diesem Werk habe ich zu leben gelernt und meinen Weg zu gehen. Wann immer ich niedergeschlagen
bin, erinnere ich mich an die Leiden der Menschen nach der Atombombe, und sage zu meinen banalen Problemen, hinfort!“

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