Journalistin, Aufnahmeleiterin & Filmemacherin in Japan
Das von Kengo Kuma gebaute Nationalstadion in Tokio im Sommer 2021 © Sonja Blaschke
Das von Kengo Kuma gebaute Nationalstadion in Tokio im Sommer 2021 © Sonja Blaschke

Kengo Kuma:
Der Holzmeister

Natürliche Materialien, Licht und Luft – auf viel mehr baut der japanische Architekt Kengo Kuma nicht in seinen Gebäuden. Auch beim neuen Nationalstadion, Spielstätte der Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio, setzt er auf diese Zutaten.

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INTERVIEW SONJA BLASCHKE

Eigentlich sollte es die kürzlich verstorbene Architektin Zaha Hadid bauen – das neue Nationalstadion, eine Spielstätte für die Spiele 2020 in Tokio. Eine mit gewaltigen Bögen überwölbte Arena sollte es werden. Gewaltig gestalteten sich aber auch die Kosten. Als sich das abzeichnete, entzog Japans Premierminister Shinzo Abe ihr den Auftrag. Ein zweiter Architektenwettbewerb wurde ausgerufen. Diesmal gewann ein Team rund um Kengo Kuma, geboren 1954 in Yokohama, ähnlich renommiert wie Hadid, aber mit einem pragmatischen Blick auf die Dinge. Vom Fenster seines Büros in Tokio kann er zusehen, wie das Projekt Wirklichkeit wird. Das neue Nationalstadion soll mehr sein als eine Sportarena. Es soll das Selbstverständnis des Landes wandeln. Wie, das erklärte der Architekt GEO Special beim Gespräch in seinem Büro in Tokio.

HERR KUMA, WAS FASZINIERT SIE AN SPORT?
Ich liebe das Gemeinschaftsgefühl, das inmitten der Zuschauer entsteht, deshalb war es auch eine große Ehre für mich, ein Teil des Designteams für das Nationalstadion zu sein. Uns ging es darum, einen Ort zu schaffen, wo dieses Einswerden möglich ist. Einen Ort mit einer warmen Atmosphäre, nicht nur zur Eröffnungsfeier, sondern auch, um die Athleten bei den Wettkämpfen anzufeuern.

WAS WAR FÜR SIE DIE GRÖSSTE HERAUSFORDERUNG BEIM ENTWURF?
Dass der Abstand zu den Athleten möglichst klein ist. Zugleich mussten wir möglichst viele Menschen im Stadion unterbringen – bis zu 80 000 – und eine gute Balance dieser beiden Aspekte hinbekommen. Unsere Idee war, dass das Stadion wie ein großes, eingepacktes Ei aussieht, sowohl in der Fläche als auch räumlich.

IM GEGENSATZ ZU VIELEN ANDEREN SPORTSTADIEN HABEN SIE VIEL PLATZ FÜR PFLANZEN GELASSEN. VON AUSSEN BLICKT MAN AUF GRÜN, DAS DEN BAU UMSCHLINGT. WOHER STAMMT DIESE LIEBE ZUR NATUR?
Ich habe als Kind lieber draußen gespielt, als in die Schule zu gehen oder Bücher zu lesen. Daher habe ich den starken Wunsch, der Natur, die mir so viel beigebracht hat, etwas zum Dank zurückzugeben. Wenn man das nicht tut, wird die Natur immer schwächer, und Kinder, die in einer Welt ohne Grün aufwachsen müssten, täten mir sehr leid.

WO HABEN SIE ALS KIND GESPIELT?
Gleich hinter unserem Haus gab es einen Wald am Fuß eines Berges, mit Schreinen und Tempeln. Ich hatte immer das Gefühl, dass dort die Götter leben. Wir nennen eine solche Landschaft „Satoyama“ – den Übergang zwischen bergigem und flachem Land. Ich bin dort die ganze Zeit herumgerannt und -geklettert. So habe ich Respekt für Pflanzen und Tiere entwickeln können. Wenn ich in der Stadt aufgewachsen wäre, hätte ich dieses Gefühl des Einsseins sicher nicht verspürt.

DAS STADION BRINGT DIE GROSSSTÄDTER ZURÜCK ZUR NATUR?
Das war unsere Intention. Gaien no mori, wo das Stadion steht, ist ein Ort mitten in Tokio, an dem viel Grün erhalten geblieben ist. Wir wollten Natur und Design zusammenklingen lassen, sodass man im Stadion nicht einfach nur Sport schaut, sondern auch die natürliche Umgebung spüren kann. Ich glaube, das ist für Kinder noch wichtiger als das Sportschauen.

WAS IST DAS JAPANISCHSTE ELEMENT AM DESIGN DES STADIONS?
Das mit Holz verkleidete Dach und die Traufe. Das Holz schützt das Dach vor den Elementen und macht es länger haltbar. In Japan regnet es viel, viel mehr als in Europa, im Sommer ist zudem die Sonneneinstrahlung sehr stark und die Luftfeuchtigkeit sehr hoch. Daher ist es in Japan das Wichtigste, für Schattenplätze und eine gute Ventilation zu sorgen. Außerdem haben die Sitzplätze im Stadion unterschiedliche Farben, wie Blätter im Wald, durch die Sonnenlicht fällt. Und wir haben sogenannte Glühwürmchen-Lichter installiert. Es wirkt, als würden Glühwürmchen sanft durch die Nacht gleiten und dabei dünne, zarte Linien mit ihrem Licht ziehen.

WIE UNTERSCHEIDET SICH JAPANISCHE ARCHITEKTUR VON BAUWEISEN IM REST DER WELT?
In Japan haben traditionell die „Daiku“, die Zimmermeister, sowohl die Entwürfe gemacht als auch das Haus gebaut. Die Profession der Architekten hat man insofern möglicherweise in Japan gar nicht unbedingt gebraucht. Die Stärke von Japan ist, dass die, die entwerfen, und die, die bauen, an einem Strang ziehen. Deswegen haben wir es auch beim Nationalstadion so gemacht, dass das Bauunternehmen und ich von Anfang an zusammengearbeitet haben, weil wir auf die Art und Weise die Qualität des Bauwerks erhöhen konnten.

WAS IST JAPANERN WICHTIGER: DASS EIN GEBÄUDE SCHÖN AUSSIEHT ODER DASS ES FUNKTIONAL IST?
Beides ist wichtig. Aber in den vergangenen 20 Jahren hat sich etwas verändert: Die Japaner haben alte Gebäude schätzen gelernt und renovieren sie nun lieber. Sie haben erkannt, dass das Wohngefühl angenehmer ist als in einem Neubau. Schönheit bedeutet heute weniger eine schöne Form als vielmehr ein gutes Gefühl.

WOHER RÜHRT DIESER WANDEL?
Die Stimmung in der Gesellschaft hat sich geändert. Mit dem starken Wirtschaftswachstum ab den 1960er-Jahren hat man die Fähigkeit, große Gebäude zu bauen und große Dinge zu kaufen, als Zeichen von Wohlstand angesehen. Seit unsere Wirtschaft in den 1990er-Jahren schwächer wurde, hat sich diese Einstellung geändert. Wohlstand ist nun vielmehr, dass man alte Dinge bewusst und mit Sorgfalt nutzt.

HAT SICH DIE GEFÜHLSLAGE DER JAPANER AUCH IM HINBLICK AUF DIE OLYMPISCHEN SPIELE GEÄNDERT?
Dass Japan die Spiele nach dem Tsunami von 2011 bekommen hat, empfinde ich als Geschenk der Götter. Nach der Naturkatastrophe und dem Reaktorunglück hatte sich in Japan eine Art Schicksalsergebenheit eingestellt. Nach dem Motto: Der Mensch ist immer schwächer als die Natur. Egal, was für ein wunderbares Haus er baut – es kann vom Tsunami weggeschwemmt werden.

DENKEN SIE, DASS DIE SPIELE IHR LAND VERÄNDERN WERDEN?
Beim letzten Mal war das so. Ich war zehn Jahre alt, als Tokio 1964 Olympiastadt wurde. Ich erinnere mich noch gut, wie ich gestaunt habe, über den Shinkansen-Schnellzug und all die Hochhäuser, die damals gebaut wurden. Auch diesmal wird sich Japan wandeln, aber ich glaube, der Wandel wird langsamer vonstattengehen – in meinen Augen wäre das für Japan auch angemessener.

WAS ERHOFFEN SIE SICH PERSÖNLICH AM MEISTEN FÜR DIE JAPANER?
Mehr Selbstvertrauen. Japaner haben viele Stärken, sie können zum Beispiel gut mit Holz bauen und selbst auf kleinem Raum den Platz clever nutzen. Ein wichtiger Grund dafür, dass ich das Stadion aus Holz baue, ist, dass ich den Japanern mehr Selbstvertrauen geben will. Tatsächlich ist das noch nie bei einem Stadion, das Schauplatz der Olympischen Spiele wird, gemacht worden. Das allein wird hoffentlich den Japanern mehr Zutrauen in ihre Fähigkeiten geben.

ES IST JETZT NOCH EIN HALBES JAHR BIS ZU DEN SPIELEN. SIND SIE NERVÖS, ODER FREUEN SIE SICH EHER?
Beides! (lacht) Ich freue mich auf das „Wow“, wenn die Leute das Stadion betreten.