Journalistin, Aufnahmeleiterin & Filmemacherin in Japan
Hinter verschlossenen Toren - der Kaiserpalast in Tokio © Sonja Blaschke
Hinter verschlossenen Toren - der Kaiserpalast in Tokio © Sonja Blaschke

Eingesperrt im kaiserlichen Gefängnis

Versuche, Japans Monarchie gegenüber der Welt zu öffnen, scheitern stets an Traditionalisten und Nationalisten. Der Fall von Prinzessin Mako zeigt das beispielhaft.

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Die Szene Anfang der Woche im Kaiserpalast von Tokio war bedrückend: Prinzessin Mako entstieg in einem bodenlangen Kleid in hellem Mintgrün einer schwarzen Limousine. Sie trug einen weissen Hut und dazu passende Handschuhe und hielt einen Fächer in den Händen. Ihren Blick starr und leicht nach unten gerichtet, ging sie getragenen Schrittes an Fernsehkameras vorbei, einem Shinto-Priester in traditionellen Gewändern hinterher. Ihr Ziel: den kaiserlichen Ahnen und den Göttern von ihrer bevorstehenden Hochzeit zu berichten, so wie das in Japan bei wichtigen Ereignissen im Leben üblich ist.

Doch der freudige Glanz, den die junge Frau bei der Bekanntgabe ihrer Verlobung im September 2017 noch in den Augen hatte, war verschwunden. Dabei hätte sie allen Grund zur Freude, darf doch die 30-Jährige nach vier Jahren Wartezeit kommenden Dienstag endlich ihren Freund aus Studienzeiten heiraten, den gleichaltrigen Kei Komuro, einen Bürgerlichen. Doch Klatschmedien und Nutzer sozialer Netzwerke werden nicht müde, die Hochzeit schlechtzureden. Rufe nach einer Absage reissen nicht ab.

Viele unterstellen Komuro, nur hinter Makos Geld her zu sein. Denn seine Mutter soll ein Darlehen, das zum Teil zur Finanzierung seines ersten Studiums verwendet wurde, nicht zurückgezahlt haben. So gross war die Empörung, dass Anfang 2018 die geplante Hochzeit auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Komuro flüchtete zu einem Jurastudium nach New York. Sollte das Paar die Hoffnung gehegt haben, dass Gras über die Sache wachsen würde, so blieb diese unerfüllt. Bei seiner ersten Rückreise nach über drei Jahren erwarteten Dutzende von Reportern Komuro am Flughafen. Wenig geschickt trug er das Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Die Medien überschlugen sich erneut mit Kritik. Dass er inzwischen seine Rechtsanwaltsprüfung abgelegt und eine Stelle in New York in der Tasche hatte, wurde zur Nebensache.

Von Feierstimmung, wie man sie von royalen Hochzeiten etwa in Grossbritannien kennt, kann nun keine Rede sein. Da Makos Vater, Kronprinz Fumihito, die Zustimmung der Öffentlichkeit zur Bedingung für die Eheschliessung gemacht hatte, blieb nur eine Notlösung: Eine offizielle Zeremonie in Anwesenheit des Kaiserpaares, geschweige denn eine Kutschfahrt vor jubelndem Publikum durch Tokio, fällt aus. Stattdessen wird ein Vertreter des Hofamtes das Eheschliessungsformular für Mako und Komuro beim Amt einreichen. Nüchterner könnte der Bund fürs Leben kaum geschlossen werden.

Die hässliche Auseinandersetzung illustriert das enge Korsett, das dem japanischen Kaiserhaus und vor allem seinen weiblichen Mitgliedern von den Traditionalisten im mächtigen Hofamt und den Nationalisten in der Regierung geschnürt wird. Dazu zählt auch, dass Frauen die kaiserliche Familie mit der Heirat verlassen müssen und von der Thronfolge ausgeschlossen sind.

Wiederholte Reformvorstösse scheiterten am Widerstand der seit Jahrzehnten regierenden Liberaldemokraten. Dabei bringt die erzkonservative Partei genau die Institution in Gefahr, die für sie als „Symbol der Einheit der Nation“ unerlässlich ist. Denn heute gibt es im Kaiserhaus nur drei mögliche Thronfolger: Makos Vater, ihren 15-jährigen Bruder und den 85-jährigen Grossonkel. Auf den Schultern des Teenagers ruht die Last, den nächsten männlichen Erben hervorzubringen. Sonst droht dem Kaiserhaus eine Existenzkrise – eine Horrorvorstellung für die Regierungspartei, deren Mitglieder mehrheitlich einer ultranationalistischen Gruppe angehören, die Japan zu einer um den Kaiser zentrierten Nation machen will.

Die Politik und das Hofamt lenken

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist der Kaiser auf eine zeremonielle Rolle beschränkt, politische Einmischung ist tabu. Nun ist es die Politik, die die Kaiserfamilie lenkt, sowie das mächtige kaiserliche Hofamt, das selbst bei so persönlichen Angelegenheiten wie der Heirat einer Prinzessin für die Betreffenden spricht. Seit der glücklichen Ankündigung ihrer Verlobung vor vier Jahren hat man Mako nie mehr selbst etwas dazu sagen gehört.

Von einer gesellschaftlichen und menschlichen Öffnung der Monarchie wie etwa im Vereinigten Königreich bleibt Japan weit entfernt. Während Königin Elisabeth II. wohl die letzte Vertreterin einer Generation ist, die sich für ihre Rolle pflichtbewusst aufopfert, ist davon bei ihren Kindern und Kindeskindern nicht mehr viel zu spüren. Das beste Beispiel dafür ist Prinz Harry, der zwei Jahre nach der pompösen Hochzeit mit der amerikanischen Schauspielerin Meghan Markle auf seine Titel mitsamt Apanage verzichtete, um dem Leben als Royal mit seinen Verpflichtungen zu entkommen. Ganz anders im traditionsbewussten Japan, wo die Institution deutlich mehr Gewicht als das Individuum hat und die Nationalisten auf dem Status quo beharren. Dies macht das Leben im kaiserlichen Käfig erheblich schwerer.

Immerhin haben es der emeritierte Kaiser, sein Sohn und Nachfolger Naruhito und ihre Ehefrauen im Rahmen ihrer Möglichkeiten geschafft, dem Kaiserhaus mehr Menschlichkeit einzuhauchen und Nähe zum Volk herzustellen. Sie sind von sensiblem, sanftem Charakter. Wann immer eine Naturkatastrophe in ihrem Land passiert, besuchen sie Notunterkünfte, setzen sich zu den Betroffenen auf den Turnhallenboden und sprechen auf Augenhöhe mit ihnen. Für dieses aufrichtig empfundene Mitgefühl werden sie sehr geschätzt. Auch deshalb gibt es in Japan keine Debatte darüber, ob das mit Steuergeldern finanzierte Kaiserhaus noch zeitgemäss ist oder allenfalls sogar abgeschafft werden sollte.

Um die ihnen zugedachte Rolle zu erfüllen, erbringt die Kaiserfamilie jedoch grosse Opfer. Kein Wunder also, dass Prinzessin Mako alles tut, um neuerliche Gegenreaktionen zu verhindern. So nimmt sie sich bei ihrer Heirat stark zurück: Mit dem Besuch bei den Ahnen folgte sie dem Protokoll des Hofamtes nur in einer abgespeckten Version. Sie trug keinen teuren Kimono, sondern westliche Kleider. Anstatt die drei designierten Heiligtümer zu betreten, sprach sie ihre Gebete im Garten davor. Ohne ihren Verlobten machte sie am Freitag Kaiser Naruhito und Kaiserin Masako ihre Aufwartung. Auch das emeritierte Kaiserpaar wird sie am Montag allein besuchen. Neben der traditionellen Hochzeitsfeier verzichtet sie vor allem auch auf die einmalige Summe von umgerechnet 1,2 Millionen Franken, die einem weiblichen Mitglied der Kaiserfamilie bei der Heirat zusteht.

Unter der Auseinandersetzung hat auch Makos Gesundheit gelitten. Wie erst jetzt bekanntwurde, erkrankte sie infolge der Anfeindungen an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Womöglich deshalb signalisierte ihr Vater Ende 2020 endlich seine Zustimmung zur Hochzeit, forderte aber weiter die Aufklärung des Schuldenproblems. Dass seither noch einmal ein Jahr vergangen ist, zeigt, wie langsam die Mühlen im Kaiserhaus mahlen.

Lange Reihe von Opfern

Prinzessin Mako ist nicht die Erste, die am Konflikt zwischen Etikette und Menschlichkeit, Hofamt und Kaiserfamilie, Tradition und Öffnung zu zerbrechen droht. Am bekanntesten ist das Schicksal von Kaiserin Masako, die wegen einer angeblichen Anpassungsstörung jahrelang das Palastgelände nicht verliess. Die mehrsprachige ausgebildete Diplomatin war mit der Heirat in die kaiserliche Familie auf die Rolle der stummen Begleiterin reduziert worden. Gross war die Kritik, als sie lange nicht den ersehnten männlichen Thronfolger gebar. Selbst ungewöhnlich direkte Appelle ihres Mannes an die Kritiker fruchteten nur bedingt.

Endloses Blitzlichtgewitter und Häme im eigenen Land ertragen – oder doch den Sprung ins kalte Wasser im Ausland wagen? Für Mako, die auch in Grossbritannien studiert hat, war die Wahl offenbar klar. Nach all den Opfern, die sie erbringen musste, steht sie nun vor der Flucht ins Ungewisse. Während Komuro als Anwalt arbeiten wird, ist bisher unklar, ob die ausgebildete Museumskuratorin ebenfalls zum gemeinsamen Lebensunterhalt beitragen wird. Im Gegensatz zu Harry und Meghan, die Netflix- und Buchverträge an Land gezogen haben, dürften sich die Komuros jedoch wohl eher bedeckt halten. Nicht auszudenken, sollte der Bräutigam seine Anwaltsprüfung nicht bestanden haben. Die Prüfungsergebnisse werden erst im Dezember bekannt.

Ein kleiner Trost für Prinzessin Mako mag sein, dass sie über ihre Heirat wenigstens die Wahl für ein anderes Leben fern vom Protokoll des Hofamts und den prüfenden Blicken der Traditionalisten hat. Wegen der Thronfolge steht dieser Ausweg den männlichen Mitgliedern der Kaiserfamilie nicht offen.