In ganz Japan spürbar: das Beben bei den Ogasawara-Inseln (Illustration des japanischen Wetteramtes, JMA)

Durchs Beben gegangen

Diese Rollläden scheppern aber laut, dachte ich im ersten Moment. Dabei bewegte sich das Tor, an dem ich gerade vorbeiging, überhaupt nicht. Erst als daneben eine Tür aufging und ein nervös dreinblickender Uniformierter herauskam, merkte ich, dass der Lärm weder vom Gebäude noch von einer Baustelle in der Umgebung stammte. Gerade auf dem Heimweg von einem leckeren Abendessen, hatte ich beim Gehen zunächst nicht bemerkt, dass sich der Boden unter meinen Füßen bewegte.

Mein Erdbebenalarm war zu meiner Überraschung auch nicht losgegangen. Dabei hatte er mich noch wenige Tage vorher hochgeschreckt. Damals saß ich in der U-Bahn: Auf einmal begann es überall laut zu piepen, wegen eines Bebens an Land in einer der Nachbarpräfekturen. Zum Glück merkt man starke Beben in der U-Bahn kaum.

Dieses Mal stand oben auf der Liste der Handy-App Namazu nur ein Beben unbekannter Stärke in der Nähe der Ogasawara-Inseln. Ich war dort einmal im Urlaub. Sie liegen 1000 Kilometer südlich von Tokio. Das konnte es nicht sein. Ich schaute noch einmal genauer hin. Nun stand dort Stärke 9,1! Trotzdem, über eine so lange Distanz?

Langsam trudelten die Schätzungen von wissenschaftlichen Instituten ein. Das in Potsdam schätzte 7,5, ein Zentrum in den USA schätzte 7,9. Der japanische Sender NHK meldete einen Tag lang 8,5. Schließlich korrigierte das japanische Wetteramt die Stärke auf 8,1 hinunter. Damit war das Beben vom Samstag das sechststärkste in den letzten 100 Jahren und das einzige Beben seit Beginn der Aufzeichnungen, das in allen 47 Präfekturen, von Okinawa im Süden bis Hokkaido im Norden spürbar war. Und sogar im benachbarten Taiwan.

Auf der japanischen Shindo-Skala, die die spürbare Erdbewegung am jeweiligen Ort anzeigt, erreichte das Beben eine 4 von 7. Ab 3 spürt man Beben sehr deutlich, vor allem in Hochhäusern. Diese werden von Oberflächenwellen, die sich über lange Distanzen fortpflanzen können, zum Schwingen gebracht. Über eine Minute pendelten die Hochhäuser in der Stadt, Aufzüge wurden aus Sicherheitsgründen automatisch gestoppt.

Dieses Mal hatte ich Glück: Weil ich einfach durch das Beben hindurch gegangen war, hielt sich der Schreck in Grenzen. Jetzt könnte es aber wieder aufhören: Drei spürbare Beben in einer Woche – es gab noch einen kleinen Hüpfer nachts -, das ruft Erinnerungen an die Zeit nach dem 11. März 2011 wach.

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