日本在住ジャーナリスト、撮影コーディネーター、ドキュメンタリー映画監督
Das Sarin-Opfer und der Sektenführer lachen und hören Musik © 2020 Me and the Cult Leader
Das Sarin-Opfer und der Sektenführer lachen und hören Musik © 2020 Me and the Cult Leader

Das Sarin-Opfer und der Sektenführer

Filmemacher Atsushi Sakahara überlebte den Saringas-Anschlag der Aum-Sekte in der Tokioter U-Bahn nur knapp. Genau 30 Jahre ist das jetzt her. Bis heute leiden die Opfer, doch niemand kümmert sich um sie. Das will er ändern – mit seinen ganz eigenen Mitteln

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Eine Bauchentscheidung rettete Atsushi Sakahara wohl das Leben. Als er sich am 20. März 1995 mit der Hibiya-Linie auf den Weg zur Arbeit in der Nähe des damaligen Tokioter Fischmarktes Tsukiji machte, bemerkte er, dass trotz Rushhour gegen acht Uhr morgens ein Platz frei war. Als er sich näherte, sah er eine durchnässte Zeitung vor seinen Füßen liegen. Eine Flüssigkeit war auf den Boden gesickert, doch er habe dem zunächst keine größere Beachtung geschenkt, erzählt er. Die Blicke der anderen Fahrgäste ließen ihn jedoch zögern. Er drehte auf dem Absatz um und ging einen Waggon weiter. „Hätte ich diese Blicke nicht gespürt, wäre ich auf den mit Sarin benetzten Boden getreten und hätte mich hingesetzt.“ Ein anderer Mann, der in der Nähe saß, starb. Zwar kam Sakahara mit dem Leben davon – aber jener Tag prägt ihn bis heute.

Am 20. März 1995 waren fünf Mitglieder der Sekte Aum Shinrikyo in drei U-Bahn-Linien (Hibiya, Chiyoda und Marunouchi) unterwegs, die sich an der Station Kasumigaseki kreuzen, am Sitz der japanischen Regierung. Mit angespitzten Schirmen stachen sie in Beutel und setzten so Saringas frei. Während die Attentäter aus den Zügen eilten, entfaltete das Nervengift seine Wirkung. Den Passagieren wurde übel, sie klagten über Augen- und Atembeschwerden, brachen zusammen. 14 Menschen starben, rund 6000 wurden verletzt. Es war der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Japans. Wenige Tage danach nahm die Polizei führende Aum-Mitglieder fest; den beinahe blinden Sektenführer Shoko Asahara fand man erst zwei Monate später in einem Zwischenboden im Hauptquartier des Kults versteckt. Die Ermittlungen deckten außerdem Pläne für weitere Anschläge auf. Die Attentäter sollen davon überzeugt gewesen sein, dass nur durch das Töten Ungläubiger die Welt gerettet werden könne.

Obwohl Tausende von Personen zu Opfern wurden, sind sie heute nahezu unsichtbar. Zu den Jahrestagen sieht man meist nur die Witwe eines verstorbenen U-Bahn-Angestellten, die von den Medien zur Vertreterin der Opfer stilisiert wurde. Direkt Betroffene wollen laut Sakahara am liebsten alles vergessen. Sie fürchten zudem, ausgegrenzt zu werden, sei es am Arbeitsplatz oder bei der Suche nach Ehepartnern. „Wenn Sie der Chef von McKinsey wären, wo alle ohne Pause durcharbeiten – würden Sie mich einstellen, wenn Sie wüssten, dass ich häufig Nickerchen einlegen muss?“, fragt der heute 58-Jährige rhetorisch.

Filmemacher Sakahara (li.) und Aleph-Sprecher Araki zusammen unterwegs © 2020 Me and the Cult Leader
Filmemacher Sakahara (li.) und Aleph-Sprecher Araki zusammen unterwegs © 2020 Me and the Cult Leader

So wie ihm geht es vielen Opfern, die weiter unter Nachwirkungen wie Augenproblemen, Schlafstörungen, neurologische Beschwerden und Post-Traumatischer Belastungsstörung (PTSD) leiden. Manche bekamen Panikanfälle, als sie wieder die U-Bahn benutzen sollten. Wie viele Personen genau betroffen sind, ist unklar. Der Staat verzichtete auf die Erhebung dieser Daten. Die Mühlen in Japan mahlen langsam. Erst 2008 wurde ein Gesetz zur Kompensation der Opfer verabschiedet. „Ich bekam um 2010 eine einmalige Zahlung von fünf Millionen Yen (30.000 Euro), was bei Weitem nicht ausreicht“, so Sakahara. Kosten für die medizinische Behandlung werden nicht übernommen.

„Was Aum getan hat, kommt einem Bürgerkrieg gleich“, findet er. Wie Kriegs- oder Atombombenopfer sollten sie daher die volle Unterstützung des Staates erhalten. Doch Japan behandle die Hilfe für die Opfer wie bei einem Verkehrsunfall und habe beschlossen, dass die Sekte Aum Shinrikyo oder ihre Nachfolgeorganisationen zahlen sollten – was diese nur teilweise täten. Für Sakahara ist das Attentat zum bestimmenden Faktor seines Lebens geworden. Statt der Anonymität wählte er die Offensive, schrieb Bücher über den Kult und drehte einen Dokumentarfilm, mit dem er hoffte, die Aufmerksamkeit der Regierung zu gewinnen, um sie zum Handeln zugunsten der Opfer zu motivieren.

In „Aganai – Me and the Cult Leader (A Modern Report on the Banality of Evil)“ konfrontiert er den langjährigen Sprecher der Aum-Nachfolgeorganisation Aleph, Hiroshi Araki, mit den Taten der Sekte. Es ist ein Roadmovie, in dem sie sich auf eine Reise zu bedeutenden Orten in ihren Leben begeben, die erstaunliche Parallelen aufweisen. Beide stammen aus der Region Tamba nördlich von Kyoto und machten ihren Abschluss an der Elite-Universität Kyoto, als Aum damals dort Seminare abhielt. Doch während sich Sakahara über den Guru, der angeblich fliegen konnte, lustig machte, wurde Araki Mitglied und sagte sich von seiner Familie los.

Der Film entstand nach einem Jahr Überzeugungsarbeit über die Dauer von knapp zwei Wochen im März 2015. Er zeigt scheinbar unvereinbare Gegensätze: So besuchen sie ein Aum-Zentrum, in dem Anhänger vor Bildern des Gurus Asahara meditieren. Dann gehen sie eine Daunenjacke für Araki kaufen, und Sakahara hilft dem Mann wie ein Bruder, ein ihm farblich schmeichelndes Kleidungsstück auszuwählen. Sie lachen zusammen – das Opfer und der Kultführer. In dem knapp zweistündigen Film, der nach fünf Jahren Postproduktion – verzögert durch gesundheitliche und finanzielle Probleme – 2020 auf Filmfestivals weltweit lief, wechselt der Regisseur hin und her zwischen freundschaftlichem Small Talk und harten Fragen an Araki. „Auch heute Abend weint irgendwo in Japan eine Mutter um ein von Aum gestohlenes Kind. Ich muss hart zu ihm sein“, erklärt Sakahara im WELT-Interview.

Während sie in der Bahn sitzen, an einem Fluss Steine werfen oder eine Stelle aufsuchen, wo Araki als Kind spielte – immer wieder versucht Sakahara aus Araki herauszubekommen, wie dieser zum Kultgründer Asahara steht, und ihn zu bewegen, Verantwortung zu übernehmen. Es kristallisiert sich das Bild eines Mannes heraus, der im Weltbild des Gurus Asahara gefangen bleibt. „Ich habe ein gutes Gefühl dafür bekommen, wie Aum ihn (Araki) immer noch manipuliert, wie Bewusstseinskontrolle funktioniert“, sagt Sakahara. Zugleich gelingt es ihm, Arakis Menschlichkeit unter der Maske zu zeigen, ohne jedoch die Taten der Sekte zu verharmlosen.

Als sie etwa an der Bahnstation vorbeifahren, in deren Nähe Arakis Großmutter wohnte, der er nahestand, verstummt der Aleph-Sprecher, seine Augen füllen sich mit Tränen. Sakahara bewegt Araki sogar dazu, zum ersten Mal seit der Lossagung wieder seine Eltern zu besuchen. Die Aum-Sekte wurde zwar verboten, ihre Nachfolgeorganisationen Aleph und Hikari no Wa existieren jedoch weiter. In der Tokioter U-Bahn warnt die Polizei auf Postern vor deren Aktivitäten, die sich vor allem auf junge Leute konzentrieren, denen die verbrecherischen Aktivitäten Aums weniger präsent sind. Auch nach der Hinrichtung des Kultgründers Asahara und zwölf seiner Mittäter durch Erhängen im Juli 2018 haben Aleph und Hikari no Wa landesweit geschätzt 1600 Mitglieder; vor dem Saringas-Anschlag waren es etwa 11.000.

Mit solchen Postern in der U-Bahn warnt die Polizei vor Aum-Nachfolgeorganisationen wie Aleph und Hikari no wa © Sonja Blaschke
Mit solchen Postern in der U-Bahn warnt die Polizei vor Aum-Nachfolgeorganisationen wie Aleph und Hikari no wa © Sonja Blaschke

Sakahara ist kein Unterstützer der Todesstrafe per se. „Wenn man ohne auskommt, wäre es besser“, sagt er. Doch im Fall des Aum-Gründers halte er sie für angebracht – auch, um dessen Einfluss zu brechen. Der lange Arm Asaharas wirkte sich nämlich noch ein zweites Mal auf Sakahara aus, als er Jahre nach den Anschlägen eine Frau kennenlernte. Wie er kurz vor der Heirat erfuhr, hatte sie in ihrer Jugend Kontakt mit einer späteren Aum-
Anhängerin und trug sich in eine Liste des Kults ein. Das erschwerte es dem Paar, ins Ausland zu gehen. Bald zog sich die Frau zurück, die Ehe zerbrach. Im Film zeigt der Regisseur Araki ein Bild seiner Ex-Frau. „Ich glaube, dass Menschen wie sie mehr leiden als die Anhänger von Aleph“, sagt Sakahara. „Sie sind einsam.“

Sakahara versuchte immer wieder, sich zugunsten der Opfer zu engagieren, biss jedoch auf Granit bei bestehenden Organisationen, die keine politische Lobbyarbeit betreiben wollten. Eine Vereinigung lehnte seinen Beitritt rundweg ab. 2021 gründete er schließlich die „Sarin Gas Attack Victims Association“ (Sarin Higaisha no Kai). Sie wird von der nationalen Polizeibehörde auf ihrer Website aufgeführt. Zum 30. Jahrestag des Attentats hat Sakahara Grundsätze für die Hilfe für Opfer von Chemiewaffen herausgegeben. Darin fordert er eine wissenschaftsbasierte Unterstützung der Betroffenen, vor allem auch psychologisch. Kein direktes Opfer, das sich an der Ausarbeitung von Hilfsprogrammen beteiligen wolle, dürfe ohne legitimen Grund abgelehnt werden. Eine Politisierung des Anschlags und eine Retraumatisierung der Opfer durch mehrfache Medienanfragen sei zu vermeiden.

Den Rettungskräften und dem medizinischen Personal von damals macht er keine Vorwürfe. „Diese Art von Angriff kommt einmal in 1000 bis 2000 Jahren vor. Die Polizei, die Feuerwehr und die Sanitäter führen zwar jedes Jahr
Übungen durch, aber wenn es wieder zu einem katastrophalen Angriff kommt, wird er in einer ganz anderen, unerwarteten Form geschehen“, vermutet er. Die Regierung müsse jedoch daraus lernen und Konsequenzen ziehen, fordert er. „Wenn man ein wissenschaftliches Problem versucht politisch zu lösen, dann geht das schief – wie bei Corona und bei Fukushima“, sagte Sakahara bei einer Pressekonferenz in Tokio im März 2021. „Ich hoffe, dass die Menschen etwas aus meiner Erfahrung lernen und die Gesellschaft besser machen.“