Alle Lampen im Teien-Museum sind individuell designt. Foto: Patrick Zoll

Jugendstil-Kleinod in Tokyo

Ein Verkehrsunfall war indirekt dafür verantwortlich, dass heute ein Jugendstil-Kleinod im Zentrum von Tokyo steht. Die frühere Villa des Prinzen Asaka, eines Mitglieds der kaiserlichen Familie, ist heute besser bekannt als das Tokyo Metropolitan Teien Art Museum. Was dort überhaupt nicht zur Sprache kommt, ist die dunkle Kriegsvergangenheit des Prinzen. Angeblich, um den Blick der Betrachter nicht von der in der Tat sehenswerten Architektur und Inneneinrichtung abzulenken, sagte die Journalistin Alice Gordenker, die kenntnisreich durch die Ausstellung führte. Das habe sie von den Kuratoren des Museums gehört.

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Prinz Asaka war mit der achten Tochter des Meiji-Kaisers verheiratet. Als er in Frankreich studierte, wurde er bei einem Verkehrsunfall 1923 schwer verletzt. Prinzessin Nobuko reiste zu ihm, um sich um ihn zu kümmern. Zwei Jahre blieben sie zusammen vor Ort – und nahmen auf ihrer Rückreise nach Japan den Wunsch mit, sich in Japan eine Villa im Jugendstil zu erbauen. Dafür verpflichten sie bekannte französische Künstler, darunter den Glaskünstler René Lalique, der den Eingang mit langen, schlanken Engeln auf Glas gestaltete (siehe Foto unten). Der Riss könnte, so eine der Theorien, davon kommen, dass der Hausherr eines Tages mal etwas angetrunken nach Hause kam…

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Im ganzen Haus wurden feinste Materialien verwendet, wie seltener Marmor aus Italien, aber auch Marmor aus Japan. Für die damalige Zeit neu war die Verwendung von Fliesen, die wenige Jahre nach dem schweren Erdbeben 1923 in Tokyo als besonders stabil galten. Das Untergeschoss ist weitgehend von Franzosen designt, darunter Malereien von Henri Rapin, das Obergeschoss hauptsächlich von japanischen Designern des Kaiseramts. Das Gebäude ist aus verstärktem Beton, damals eine vergleichsweise neue Bauweise in Japan. Leider hatte Prinzessin Nobuko nicht viel von der Villa, die sie maßgeblich mitdesignt hatte. Ein halbes Jahr nach dem Einzug starb sie. Ihr Mann und zwei ihrer Kinder lebten weiter dort.

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Prinz Asaka ist kein prominenter Vertreter des Kaiserhauses. Wer jedoch den Film “John Rabe” (hier ein interessanter Artikel der New York Times zur historischen Person) des deutschen Regisseurs Florian Gallenberger gesehen hat, wird sich sicher an einen besonders fiesen Armee-Befehlshaber erinnern, der der kaiserlichen Familie angehörte: Es war Prinz Asaka. Er soll eine entscheidende Rolle gespielt haben beim Angriff der Japaner auf die damalige chinesische Hauptstadt Nanking 1937. Dieser Angriff ist in die Geschichte eingegangen als das “Massaker von Nanking”. Historiker beziffern die Toten auf 200.000 bis 300.000, hauptsächlich Zivilisten. In Japan wird das Massaker im Schulunterricht als “Vorfall” bezeichnet, die Zahl der Opfer niedriger angesetzt. Manche japanische Politiker  leugnen gar, dass es je stattgefunden habe – ohne die geringste Auswirkung auf ihre berufliche Karriere. In Japan fand der Film “John Rabe” daher bisher keinen Kinoverleih; er wird nur in Sondervorstellungen von engagierten Bürgern gezeigt. Er gilt als zu heißes Eisen.

Fotos: Patrick Zoll

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